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Podcast #25

Brauchst du ein Bewerbungsfoto?

von Volker Klärchen | 6. Februar 2022
Vielleicht sitzt du gerade vor deinem Lebenslauf und fragst dich, ob ein Foto immer noch Pflicht ist? Wir schauen uns an, was das Gesetz sagt – und was ich dir empfehlen würde.
Lieber lesen? Hier findest du ein vollständiges Transkript dieser Folge.

Transkript

hier klicken um den Text anzuzeigen

Beim Bewerbungsfoto muss man auf eine ganze Menge achten:

Man sollte zum Beispiel keine Bilder aus Kindertagen nehmen, beim Wandern und Sport oder mit der Braut im Arm.

Ebenso gehört es sich nicht, wenn man auf dem Foto den Kopf aufstützt, seinen Siegelring zeigt oder die Pfeife im Mund lässt.

Ach ja, und ein Foto ohne Krawatte gilt als absolut unmöglich!

So steht es jedenfalls wörtlich in einem Bewerbungsratgeber aus den Fünfzigerjahren.

Großartig, oder? Pfeife und Krawatte – da sieht man schon, dass Frauen damals überhaupt keine Rolle gespielt haben.

Da sind wir heute schon ein ganzes Stück weiter – doch das Bewerbungsfoto ist immer noch ein heiß umstrittenes Thema.

TITELMUSIK

Ich hoffe, du hast nicht schon im Intro abgeschaltet und dir gedacht – was ist der Klärchen denn für’n Depp?! Was hat der denn für altertümliche Ansichten! 

So hat man vor 70 Jahren tatsächlich noch gedacht, und das war ganz normal. Da sieht man, dass wir uns als Gesellschaft doch weiterentwickelt haben. 

Nur das Bewerbungsfoto, das sind wir noch immer nicht losgeworden. Es ist immer noch ein fester Bestandteil jeder Bewerbung – oder doch nicht?

In vielen anderen Ländern sind Bewerbungsfotos schon lange Geschichte. Da würdest du sogar Minuspunkte sammeln, wenn deine Unterlagen ein Foto enthalten. Davon sind wir hier aber noch meilenweit entfernt. 

Obwohl, irgendwie auch nicht mehr, sollte man meinen: 

Schon seit 2006 gibt es das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das AGG. Und das besagt ganz klar, dass niemand aufgrund seines Geschlechts, seiner Herkunft, seine Religion oder ähnlicher Dinge diskriminiert werden darf - schon gar nicht im Berufsleben.

Wie ist es denn jetzt, wenn ich eine Frau bin? Oder wenn meine Hautfarbe vielleicht dunkler als der Durchschnitt ist? Das sieht man doch beides sofort auf dem Foto! Und das darf doch in der Bewerbung keine Rolle mehr spielen. Warum ist das denn immer noch legal?

Die überraschende Antwort: Das ist nicht mehr legal! Bewerbungsfotos sind per Gesetz schon seit 16 Jahren nicht mehr zulässig. Und trotzdem findet man sie in so gut wie jeder Bewerbung - wie passt das zusammen? 

Und damit kommen wir zum Unterschied zwischen Theorie und Praxis - und der ist in diesem Fall enorm.

Seit August 2006  - also seitdem das AGG in Kraft getreten ist - dürfen Unternehmen nicht mehr nach einem Bewerbungsfoto fragen. 

Früher stand das noch oft in den Stellenanzeigen:

„Bitte schicken Sie uns Ihre aussagefähigen Unterlagen mit Foto und Gehaltsvorstellung an die folgende Adresse.“

Das wirst du heute in keiner einzigen Anzeige mehr finden. Weil die Firma es einfach nicht mehr fordern darf.

Hurra!

Trotzdem sind wir die Fotos nicht losgeworden - denn Menschen sind nun mal Gewohnheitstiere. Obwohl das Gesetz ganz klar festgelegt hat: Du musst kein Foto mehr schicken – haben wir einfach nicht damit aufgehört.

Die Firmen durften also nicht mehr danach fragen, haben sie aber freiwillig bekommen. Und das ist natürlich auch vollkommen legal. Freiwillig darf ich den Firmen sagen, was immer ich will. Meine Schuhgröße, meine Lieblingsserie oder die Geheimzahl. Meiner EC-Karte.

Freiwillig darfst du als Bewerber so viel von dir preisgeben, wie du möchtest.

Also hat sich im Grunde erst mal überhaupt nichts verändert. Und natürlich gab und gibt es einige Menschen, die die Situation ganz genau kennen und die deswegen auch sagen: Ich muss kein Foto mehr mitschicken, also schicke ich auch keins mit.

Das ist deren gutes Recht. Nur bekommen die dann die Nachteile zu spüren:

Da liegen dann beim Personaler vielleicht 300 Bewerbungen auf dem Schreibtisch. Und bei 298 davon kann er den Kandidaten in die Augen sehen - bei den anderen steht da nur ein Name. 

Wer wird dann eher in Erinnerung bleiben? Zu wem wird er eher eine emotionale Verbindung aufbauen?

Das hat ja nichts mit Boshaftigkeit zu tun, wir Menschen sind so. Wir denken in Bildern, wir lieben Bilder und wir sind weit weniger rational, als uns das lieb ist. Wir werden bei unseren Entscheidungen stark von Emotionen gesteuert.

Fast alle haben einfach weiterhin Bilder geschickt. Und die Handvoll Leute, die es gelassen hat – sie ist negativ aufgefallen.

Das sind die Firmen auch gar nicht allein dran schuld. 

Wir haben uns unsere eigene Grube gegraben.

Ich vergleiche das gerne mit WhatsApp.

WhatsApp war seinerzeit der erste Anbieter, der eine kostenlose Alternative zur SMS angeboten hat. Ja, Textnachrichten zu verschicken hat mal richtig Geld gekostet! 

Das war auf den ersten Blick natürlich das Paradies: So viel hin und her schreiben, wie man will, ohne dass die Handyrechnung explodiert. Kein Wunder also, dass plötzlich jeder bei WhatsApp war.

Mittlerweile gehört WhatsApp zu Facebook, und was die mit den Daten ihrer Nutzer anstellen weiß kein Mensch. Und viele denken darüber nach, ob es nicht klüger wäre, einen anderen Messenger zu benutzen. Und da gibt es tolle Alternativen, die auch alle kostenlos sind.

Es gäbe also eine Lösung, das ist nicht das Problem.

Das Problem ist die Trägheit der Masse: Solange meine Tante, mein Nachbar und die anderen Eltern aus der Kita-Gruppe bei WhatsApp sind, macht es für mich keinen Sinn, zu einem anderen Messenger zu wechseln.

Erst wenn alle wechseln würden, dann hätte ich durch meinen Wechsel keine Nachteile mehr.

Genauso wie mit den Bewerbungsfotos.

Und ich möchte an dieser Stelle auch noch mal die Firmen ein bisschen in Schutz nehmen. Die haben nämlich durchaus versucht, das zu ändern:

2011 haben sich zum Beispiele mehrere große Unternehmen zusammengetan, um für gerechtere Bewerbungsprozesse zu sagen. Das waren die Deutsche Post, die Telekom, L’Oréal, Mydays sowie Procter & Gamble. 

Die haben sich freiwillig dazu verpflichtet, jede eingehende Bewerbung erst an einer zentralen Stelle zu bearbeiten und dort komplett zu analysieren. Es wurde also das Geburtsdatum entfernt, der Vorname und auch das Foto. Die Menschen in den Personalabteilungen und in den Fachbereichen hatten also keine Idee, ob sich hier ein Mann oder eine Frau bewirbt und wie alt dieser Mensch ist.

Und das haben die zwei Jahre lang konsequent durchgezogen.

Danach haben sie analysiert, was sich durch diesen Bewerbungsprozess verändert hat – und die Veränderungen waren erfreulich: Es wurden zum Beispiel viel mehr Frauen eingestellt als vorher. Ein ganz klarer Beleg dafür, dass die Bewerbungen so, wie wir sie heute noch kennen, einfach nicht fair sind.

Wie gesagt: Sie haben diese Ergebnisse nicht etwa still und heimlich unter den Tisch gekehrt, sondern sehr öffentlichkeitswirksam als Studie herausgegeben.

Es hat einfach nur niemanden interessiert.

Die Masse hat einfach so weiter gemacht wie bisher – auf Firmenseite genauso wie auf Bewerberseite.

Ich habe dieses Pilotprojekt damals sehr aufmerksam verfolgt, weil mir klar war: wenn wir es in Deutschland in nächster Zeit schaffen, anonyme Bewerbungen einzuführen, dann durch dieses Projekt.

Und obwohl das Ergebnis so eindeutig war, hat sich dadurch nichts verändert.

Wenn alle Bewerber von heute auf morgen aufhören würden, Fotos zu verschicken, dann hätte sich das Thema innerhalb kürzester Zeit erledigt.

Doch das ist wie bei der Sache mit WhatsApp: solange es nicht alle machen, macht es keiner.

DER TIPP DER WOCHE

Solltest du ein Foto mit deiner Bewerbung schicken?

Das kommt darauf an:

Hast du keinen großen Druck, schnell einen neuen Job zu finden? Würde dich eine verlängerte Jobsuche nicht belasten, weder finanziell noch psychisch?

Dann kannst du das Bewerbungsfoto gerne weglassen. 

Alle anderen muss ich leider immer noch raten, ein Foto zu schicken. 

Natürlich kann deine Bewerbung auch ohne Foto funktionieren – nur eben viel, viel seltener.

Heute habe ich eine Bitte an dich: 

Wenn ich meinen Newsletter verschicke, dann schreiben wir immer ein paar Leser zurück und ich erhalte ein Feedback.

Wenn ich ein Webinar gebe, dann findet immer ein ganz direkter Austausch statt.

Doch wenn meinen Podcast veröffentliche, dann ist das immer eine Einbahnstraße.

Interessiert dich das, was ich hier erzähle? Hilft es dir vielleicht sogar weiter? Dann gibt es eine prima Möglichkeit, wie du mir das signalisieren kannst:

Auf der Podcast-Plattform von Apple kannst du meinem Podcast eine Sterne Bewertung hinterlassen.

Seit Kurzem gibt es jetzt auch bei Spotify. Wenn du also eine dieser beiden Plattformen nutzt, dann hinterlasse mir doch bitte eine Sterne-Bewertung.

Damit tust du mir sogar einen doppelten Gefallen: Zum einen sehe ich, dass der Podcast bei dir gut ankommt – und andere Leute können so auch auf den Podcast aufmerksam werden.

Also: Wenn du Apple oder Spotify nutzt, schick mir ein paar Sterne.

*Hust* 5 Sterne *Hust*

Entschuldigung, da hatte ich wohl was im Hals.

Wir hören uns hier nächsten Sonntag wieder, und bis dahin sage ich

bis bald.

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