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Podcast #17

Zwei gefährliche Ratschläge

von Volker Klärchen | 21. November 2021
Es gibt so viele Tipps zum Thema Bewerbungen – und manche wirken auf den ersten Blick harmlos und sogar einleuchtend. Doch es gibt zwei Tipps, die du garantiert kennst – und die du in Zukunft unbedingt vermeiden solltest.
Die komplette Folge kannst du dir hier anhören:
Oder auch komplett lesen (hier klicken um den Text anzuzeigen):

Heute habe ich zwei Ratschläge für dich:

Wenn du das nächste Mal im Wald spazieren gehst und dort einen Pilz entdeckst – dann pflück ihn gerne und iß ihn direkt vor Ort auf.

Und mein zweiter Ratschlag:

Wenn du dann vielleicht noch an einem Gewässer vorbeikommst und du kannst irgendwo auf eine Brücke oder einen Baum klettern, dann spring am besten von möglichst weit oben hinein - kopfüber!

Was, das sind gar keine guten Ratschläge? Das sind sogar gefährliche Ratschläge? 

Na, dann sind wir ja schon mitten drin im Thema!

TITELMUSIK

Ratschläge bekommst du immer und überall, oft sogar ungefragt. Nur, nicht immer ist es so eindeutig, wenn ein Ratschlag unsinnig oder sogar gefährlich ist. 

Nur für den Fall, dass das nicht schon klar war: Die beiden Ratschläge gerade im Intro, die sind sogar extrem gefährlich. Falls du also demnächst mit einer Lebensmittelvergiftung aus fünf Metern Höhe in knöcheltiefes Wasser springst – mach bitte nicht mich verantwortlich!

Manche Ratschläge sehen total harmlos aus, haben es aber faustdick hinter den Ohren. Wir werden uns heute mal zwei ganz genau anschauen.

Und natürlich haben die mit deiner Bewerbung zu tun, ganz konkret mit dem Anschreiben. Denn da gibt es zwei Ratschläge, die du mit Sicherheit schon mal irgendwo gehört hast. Die sind so gut wie nicht tot zu kriegen. Da stößt jeder drauf, der sich im Internet Hilfe sucht - und das sind: 

1.Gehe auf alles ein was in der Stellenanzeige steht.

2. Nimm unbedingt Bezug auf die Firma und die konkrete Stelle.

Und ich weiß, du sitzt jetzt gerade da und fragst dich: „Hä? Was soll daran denn bitte gefährlich sein? Das ist doch genau das, wie ich meine Bewerbung immer schreibe!“

Und genau das macht es ja so gefährlich: Diese zwei Ratschläge sind so weit verbreitet, dass sich fast alle Bewerber daran halten - und das führt zu einem ganz seltsamen Effekt.

Fangen wir mal mit dem ersten Ratschlag an: Gehe auf alles ein, was in der Stellenanzeige steht.

Das ist aus mehreren Gründen keine gute Idee. Okay, es mag Stellenanzeigen geben, in denen so wenig drin steht, dass man das sogar noch hinbekommen würde – also rein von der Menge her. 

Aber ein gutes Anschreiben hat vier, maximal fünf Absätze und ist niemals länger als eine DIN-A4-Seite. Wenn du jetzt versuchen würdest, auf jeden einzelnen Punkt einzugehen, der in der Stellenanzeige genannt wird, dann wirst du automatisch zu viel schreiben. 

Und das ist immer gefährlich. 

Denn man sagt, dass eine Firma heute maximal 90 Sekunden Zeit hat, um eine Bewerbung zu lesen – Anschreiben, Lebenslauf, Zeugnisse. Wenn ich als Personaler dann ein Anschreiben öffne, dass mich schon vom Umfang her erschlägt – dann werde ich es gar nicht erst lesen. Dann lege ich es zur Seite und gucke, ob mir eine andere Bewerbung nicht vielleicht spontan besser gefällt.

Und das ist noch nicht der wichtigste Grund, warum du das nicht tun solltest. 

Nehmen wir mal an, in der Stellenanzeige steht: „Wir suchen jemanden für den Vertrieb. Sie sollten kundenorientiert, kommunikativ und zielstrebig sein.“ 

Jetzt sitzt du also von deinem Anschreiben und denkst dir: „Ich muss denen unbedingt zeigen, dass ich exakt so bin!“ In deinem Anschreiben wird dann am Ende so etwas stehen wie: „Ich bin sehr kundenorientiert und kommunikativ. Meine Zielstrebigkeit rundet mein Profil ab.“

Oder vielleicht schreibst du auch „in der Vergangenheit wurde immer wieder meine hohe Kundenorientierung gelobt. Dank meiner kommunikativen Fähigkeiten kann ich mich schnell auf unterschiedliche Menschen einstellen. Und meine Zielstrebigkeit hat dafür gesorgt, dass ich alle Vorgaben immer erreicht habe.“

Aber ganz egal, ich könnte jetzt noch 20 andere Formulierungen suchen, die Aussage bleibt immer die gleiche: „Ich bin kundenorientiert, kommunikativ und zielstrebig.“

Und das machst mich nur du, das machen alle. Weil sie alle diesen wundervollen Ratschlag beherzigen.

Jetzt liest da so ein armer Mensch in der Firma 400 Bewerbungen. Und in denen steht: „ich bin kundenorientiert, kommunikativ und zielstrebig“. „Ich bin kommunikativ, zielstrebig und kundenorientiert.“ „Ich bin zielstrebig, kundenorientiert und kommunikativ.“ 

Und falls du jetzt schon merkst, dass du diese Wörter langsam nicht mehr hören kannst – stell dir vor, wie es dem Menschen geht, der das jeden Tag mit jeder Bewerbung immer und immer wieder aufgetischt bekommt? Der ist genervt!

Wenn du also auf alles eingehst, was in der Stellenanzeige steht, dann steht auch in deiner Bewerbung am Ende genau das selbe, was auch in allen anderen Bewerbung steht.

Was ist jetzt aber das Problem mit dem zweiten Ratschlag: Nimm unbedingt Bezug auf die Firma und die konkrete Stelle.

Ich selber tue das in meinen Bewerbungen so gut wie nie. Und das sorgt immer wieder für … Verwunderung – um es vorsichtig auszudrücken. Im Grunde reagieren meine Kunden da immer gleich drauf – und ich zeige dir das jetzt einfach mal.

Ich werde jetzt das Mikro in meinem Beratungsraum verstecken und du darfst live dabei sein, wenn ich einem Kunden seine neuen Unterlagen präsentiere. Aber psst, du musst ganz leise sein – nicht dass er dich noch entdeckt.

So, Herr Buerger, hier sind ihre neuen Unterlagen. Was sagen Sie?

Oh, toll, ich les mir gleich mal das Anschreiben durch. (Schmunzelt). (Schmunzelt nochmal) 

Zufrieden?

Hmmm. Ja, schon, aber… also … das passt alles, was Sie da geschrieben haben. Ich wär da auch nie drauf gekommen. Und das klingt vor allem mach mir - ich find’s super.

Nur… muss da nicht drin stehen, warum ich mich gerade auf diese Stelle bewerbe?

Nein, das muss es nicht.

Gar nicht? Sind Sie sich da wirklich ganz sicher! 

Oh ja. Das ist sogar genau der Grund, warum diese Bewerbung viel besser funktionieren wird  als ihre vorherigen.

Ich weiß ja nicht. Man liest das doch überall. Können wir nicht doch noch einen Absatz mit reinnehmen, wo wir auf ein bißchen auf die Firma eingehen?

Was möchten Sie da denn hin schreiben?

Ich weiß es nicht. Was man da halt so schreiben muss.

Zum Beispiel?

Naja, was nettes. „Sie haben einen tollen Ruf!“

Ist das nicht ein bißchen beliebig?

Na, dann eben „Sie sind so innovativ!“

Und Sie glauben, diese Info wird die Firma überzeugen, dass Sie der Richtige sind?

Das jetzt vielleicht nicht, aber man muss das doch machen.

Was genau?

Na, der Firma zeigen, dass ich mich mit ihr beschäftigt habe.

Ach so. Und ihre intensive Recherche hat ergeben, dass das Unternehmen einen guten Ruf hat? Davon werden die sicher überrascht sein.

Grmpf…

Darf ich etwas sagen?

Ja, klar.

Sie sind mein Lieblingskunde.

Warum?

Weil Sie ein toller Typ sind.

Hä?

Ich wollte Ihnen einfach mal ein Kompliment machen

Das war doch kein ehrliches Kompliment. Das war doch Verar***. 

Finden Sie?

Na klar! Sowas zieht bei mir nicht!

Sie meinen, ein Kompliment, dass man einfach nur so sagt, ohne es zu meinen – das hilft einem gar nicht weiter?

Bei mir jedenfalls nicht, ich bin ja nicht blöd.

Soll ich Ihnen was verraten: Personaler sind auch nicht blöd. Da funktioniert das auch nicht.

Okay, an der Stelle kann ich es ja auflösen: das war natürlich keine heimliche Aufnahme eines Kundengesprächs. Der Kunde war natürlich eingeweiht, dass ich ihn aufnehme …

Aber so oder so ähnlich läuft es fast jedes Mal. Fast jeder Bewerber glaubt, dass leere Komplimente bei ihm selber nie funktionieren würden – aber in der Bewerbung schon.

Tun sie aber nicht. Es hält sich einfach nur als extrem hartnäckiges Gerücht.

Nur, weil etwas alle sagen, muss es nicht richtig sein. Da denke ich spontan an meinen Geschichtslehrer, der sich damals schon über einen Spruch besonders aufgeregt hat.

Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du suchen.

Falls du den Spruch nicht kennst: Glück gehabt! Früher hat man das immer gesagt als Verhaltensregel bei Gewitter. Jeder kannte das – aber längst nicht jeder wusste, was das für ein Unsinn das ist.

Der Geschichtslehrer hat uns deshalb damals eine andere Variante beigebracht: Ob nun Buche oder Eiche, wenn es einschlägt bist ‚ne Leiche.

Und deswegen ist es allerhöchste Zeit, auch mit diesen zwei gefährlichen Ratschlägen aufzuräumen.

TIPP DER WOCHE

Ich möchte dir zwei bessere Ratschläge mitgeben:

Nr 1: Lies die Stellenanzeige aufmerksam, aber kopiere sie nicht.

Für Personaler gibt es nichts lästigeres, als wenn einem die Bewerber die eigene Stellenanzeige nacherzählen. „ Sie suchen eine Vertriebsmitarbeiterin, die viel Erfahrung mit erklärungsbedürftigen Produkten hat.“ - „ Jja, das tue ich. Und das musst du mir nicht sagen, das habe ich selber in die Stellenanzeige geschrieben.“

„Sie sind flexibel, offen und teamfähig.“ – „Ich bin übrigens flexibel, offen und teamfähig.“

Statt alles wie ein Echo zurück zu spielen, überleg dir lieber: Wie bist du? Wo sind deine Stärken? Und wie kann das für diese Stelle nützlich sein.

Und dann schreibst du über genau das.

Und auch den zweiten Ratschlag möchte ich ersetzen:

Gehe nur dann auf die Firma oder die konkrete Stelle ein, wenn es einen wirklich, wirklich guten Grund dafür gibt.

Denn selten – ganz selten – hat ein Kunde wirklich eine ganz konkrete und interessante Motivation, warum es gerade diese Firma oder diese Stelle sein sollte.

Ich kenne einen Menschen, der hat als Kind ein Foto in einer Fernsehzeitschrift gesehen und sich seitdem gewünscht – genau bei dem Unternehmen möchte ich mal arbeiten. Als er sich später dort beworben hat war das natürlich ein sensationeller Aufhänger.

Oder die Frau, die nach einem Segelunfall durch das Produkt eines Herstellers quasi gerettet wurde – natürlich darf die gerne darüber schreiben, warum sie gerne bei diesem Unternehmen arbeiten möchte.

Aber diese ganzen „weil Sie so toll sind, weil Sie so schön sind“-Komplimente – die braucht kein Mensch.

Hast du Lust, noch tiefer in das Thema einzusteigen? Dann komm in mein Webinar. Denn das hier ist mein Herzensthema: Wie man ein richtig gutes Anschreiben erstellt.

Ich gehe im Webinar auch noch mal genauer auf diese beiden Ratschläge ein und zeige dir an konkreten Beispielen, warum es nicht funktioniert und wie du es besser machen kannst.

Und das Beste: Das Webinar findet zur Zeit regelmäßig statt und kostet dich nichts – nur eine Stunde deiner Zeit.

Den Link zur Anmeldung findest du auf meiner Homepage unter "Webinar" oder auch in den Shownotes zu dieser Folge.

Ich freue mich sehr, wenn wir uns dort sehen.

Und bis dahin: Mach's gut, bleib gesund und 

bis bald.

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