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Podcast #15

Wann du keinen Einstand feiern solltest

von Volker Klärchen | 7. November 2021
Edina hat gehört, man soll unbedingt nach einer Woche seine Kollegen zu einem kleinen Einstand einladen. Das hat sie zunächst verunsichert, denn bisher hat sie das immer erst nach der Probezeit gemacht. Und auch ich bin der Meinung, dass du den Einstand nicht zu früh geben solltest.
Die komplette Folge kannst du dir hier anhören:
Oder auch komplett lesen (hier klicken um den Text anzuzeigen):

Morgen gibt es meinen Podcast schon drei Monate! Hey, wenn das hier ein Job wäre, dann hätte ich jetzt schon die Hälfte der Probezeit rum!

Und was meinst du: 

Bekomme ich den Job? Du zögerst?

Und… wenn ich dir einen Keks gebe? Wie sieht es dann aus?

Titelmusik

Heute machen wir mal etwas leicht anderes, denn sonst bin ich hier im Podcast ja immer bei der Bewerbung, und das mit dem Ziel, eine Zusage zu bekommen. Doch was *danach* kommt, das ist ja genauso spannend und deswegen schauen wir uns heute mal die erste Zeit im neuen Job an.

Und dazu hatte Edina eine ganz spezielle Frage:

"Hallo Volker,

ich habe eine Frage an dich, und zwar: Ich habe vor kurzem einen Artikel gelesen, wo es um das Thema geht 'So gelingt dir als neuer Mitarbeiter im Unternehmen ein gelungener Start'.

Darin stand, dass man als neuer Mitarbeiter ca. nach einer Woche Arbeitsbeginn die neuen Kollegen aus dem direkten Team zu einer kleinen Einstandsfeier einladen soll.

Macht man dies erst nach bestandener Probezeit, sei wohl der Effekt verpufft.

Darüber bin ich überrascht, denn eine Einstandsfeier ist mir tatsächlich erst nach den sechs Monaten Probezeit bekannt. Und daher möchte ich jetzt ganz gerne mal deine persönliche Meinung zu hören, welche Erfahrungswerte hast du von Unternehmen, weil da bist du ja auch immer in einem sehr engen Austausch, und ich find's natürlich auch spannend, wie die Community das sieht."

Danke für diese spannende Frage, denn die gibt mir die Möglichkeit, über eines meiner Lieblingsthemen zu reden: die Psychologie.

Die Antwort und was ich dir empfehlen würde, das wird dich vermutlich überraschen, aber fangen wir auch hier wieder am Anfang an:

Da schreibt also jemand, man sollte nach spätestens einer Woche seinen Einstand feiern. Wer das wohl geschrieben hat? Wahrscheinlich jemand, der unglaublich gerne Kuchen isst. Denn sonst könnte ich mir das nicht erklären.

Nach einer Woche ist man doch noch nicht mal richtig angekommen. Das sind - wenn alles optimal verlaufen ist - fünf Arbeitstage. Wenn ich jetzt also Kuchen mitbringe, dann tue ich das wahrscheinlich nicht, weil ich die anderen inzwischen so gut kennengelernt habe und sie so nett finde, sondern weil ich das Gefühl habe, dass ich dazu verpflichtet bin.

Und natürlich darf man das auch gerne machen, nur - ich würde das nicht tun.

Das ist ja auch so ein roter Faden, der sich bei mir durch alle Themen zieht: Wenn man etwas von Herzen gerne tun möchte, dann soll und kann und muss man das auch unbedingt machen. Wenn man es aber nur aus dem einen Grund tut, dass man das eben „so macht“ - dann kann man es genauso gut lassen.

Solltest du also einen besonders herzlichen oder besonders gut vorbereiteten Einstieg in einem Unternehmen erleben, dann spricht überhaupt nichts dagegen, schon nach der ersten Woche eine Einstandsfeier zu geben.

Aber eine Verpflichtung dazu hast du absolut nicht.

Ich denke sogar, dass das nach hinten losgehen kann. Dass es anbiedernd wirken kann. Und das lässt dich in den Augen der anderen Menschen nicht gerade besser aussehen.

Ganz überspitzt gesagt: Du hast es doch nicht nötig hast, dir die Sympathien deiner Kollegen mit Kohlenhydraten zu kaufen.

Und jetzt kommt der Clou:

Du wirst im Ansehen deiner Kollegen sogar steigen, wenn du deinen Kollegen keinen Kuchen mitbringst, sondern ihnen ab und zu das Leben etwas schwerer machst.

Das klingt jetzt echt seltsam und bietet auch Platz für jede Menge Missverständnisse, deswegen werde ich das ganz genau erklären:

Das heißt nämlich auf keinen Fall, dass du dich im neuen Job möglichst schlecht benehmen solltest. Damit verschafft man sich keine Freunde, sondern höchstens den einen oder anderen Wutanfall.

Aber wer immer nur versucht dem anderen zu gefallen, der wird auch niemals ein kollegiales Miteinander auf Augenhöhe erreichen. Der erscheint aus Sicht der anderen nämlich immer etwas kleiner.

Um das zu verstehen, müssen wir gut 250 Jahre zurückspringen, und zwar zu Benjamin Franklin. Den kennst du sicher als einen der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika. Doch so ganz nebenbei war das auch ein sehr kluger Kopf, der sich viel mit der Wissenschaft beschäftigt hat.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat er sich zum Beispiel intensiv mit der Elektrizität beschäftigt und dabei den Blitzableiter erfunden.

Aber auch psychologisch hatte der gute Mister Franklin einiges auf dem Kasten – und darum soll es heute gehen:

In seiner Zeit in Philadelphia hatte er einen politischen Widersacher. Der konnte ihn einfach nicht ausstehen und hat oft nicht mal mit ihm geredet. Und das wollte Franklin ändern. Er wollte es unbedingt erreichen, dass er auch mit diesem Menschen gut arbeiten kann.

Und das ist doch eine ähnliche Situation wie im neuen Job. Da gibt es vielleicht auch Kollegen, die am Anfang distanzierter oder sogar unhöflich erscheinen. Wie gehst du dann mit denen um? Vielleicht wirst du dir bei denen ganz besonders große Mühe geben. Und immer wieder mal versuchen, positiv bei Ihnen aufzufallen.

Ich gehe in die Kantine, kann ich dir was mitbringen? 

Und genau das hat Benjamin Franklin nicht gemacht. Wie seine Lösung aussah, hat er in seiner Autobiografie beschrieben:

"Nachdem ich gehört hatte, dass er in seiner Bibliothek ein bestimmtes, sehr seltenes und kurioses Buch besaß, schrieb ich ihm eine Notiz, in der ich meinen Wunsch äußerte, dieses Buch zu lesen, und ihn bat, mir den Gefallen zu tun, es mir für ein paar Tage zu leihen. 

Er schickte es sofort, und ich schickte es etwa eine Woche später mit einem weiteren Schreiben zurück, in dem ich mich sehr für den Gefallen bedankte. 

Als wir uns das nächste Mal im Parlament trafen, sprach er mit mir (was er zuvor nie getan hatte), und zwar mit großer Höflichkeit; und er zeigte sich stets bereit, mir bei allen Gelegenheiten zu dienen, sodass wir gute Freunde wurden, und unsere Freundschaft hielt bis zu seinem Tod an."

Er hat aus einem Widersacher einen Freund fürs Leben gemacht – indem er ihn um einen Gefallen gebeten hat.

Und das funktioniert. Und ist inzwischen so gut erforscht, dass dieses Phänomen in der Psychologie einen eigenen Namen bekommen hat: der Benjamin Franklin Effekt.

Den beschreibt er in seiner Autobiografie mit einem einzigen Satz:

"Wer dir einmal einen Gefallen getan hat, wird eher bereit sein, dir einen weiteren zu erweisen, als der, dem du selbst einen Gefallen getan hast."

Auf den ersten Blick ergibt das doch überhaupt keinen Sinn! Wir denken doch, wir müssten für den anderen da sein, ihm etwas Gutes tun, damit der uns lieber mag. Dabei ist es umgekehrt: Wenn wir den anderen dazu bringen, etwas für uns zu tun – dann werden wir für ihn plötzlich sympathischer.

Warum ist das so?

Und damit kommen wir  zu dem spannendsten Teil, nämlich zu der Psychologie dahinter. Und dazu musst du im Grunde nur eine einzige Sache wissen:

Menschen sind nicht in der Lage zwei Überzeugungen gleichzeitig zu haben, die sich widersprechen.

Das klingt ja auch einleuchtend: Man kann ja z.B. nicht Tomaten mögen und gleichzeitig Tomaten eklig finden. Man kann schwer für eine Sache sein und gleichzeitig dagegen.

Und genau das hat sich Benjamin Franklin zunutze gemacht.

Ich habe leider nie den Namen dieses Widersachers gefunden, deswegen nenne ich ihn jetzt mal Mister X damit ich nicht immer sagen muss "der eine und der andere". Also, dieser Mister X mag Franklin nicht - das ist seine Überzeugung.

Die Gründe dafür sind egal. Vielleicht passen ihm seine politischen Ansichten nicht, vielleicht erinnerte ihn an seinen furchtbaren Onkel oder was auch immer - er mag ihn einfach nicht.

Jetzt kommt Franklin und bittet ihn um ein wertvolles Buch aus seinem Besitz. Und zu der Zeit hatten Bücher natürlich noch einen ganz anderen Stellenwert als heute, wir reden also von etwas wirklich Kostbarem.

Jetzt hätte Mister X natürlich gleich sagen können: „Ne, das Buch kriegst du nicht, weil: Du bist doof.“ Das konnte er aber nicht, denn das hätte nicht zu einer anderen Überzeugung von ihm gepasst. Nämlich der Überzeugung "ich bin ein guter Mensch. Benjamin Franklin nicht so sehr".

Hätte Mr X ihm jetzt also ohne Grund verweigert ihm das Buch zu leihen, dann hätte er plötzlich zwei Überzeugungen im Kopf, die sich widersprechen:

Auf der einen Seite "ich bin ein guter Mensch. Ich bin vor allem ein besserer Mensch als Franklin" und auf der anderen Seite "ich bin selbst kein so guter Mensch, ich bin ja nicht mal bereit, ihm einen Gefallen zu tun“. 

Menschen sind nicht in der Lage zwei Überzeugungen zu haben, die sich widersprechen.

Deswegen musste Mister X sich für eine dieser beiden Überzeugungen entscheiden - und da fällt die Wahl natürlich nicht schwer: Wenn es geht um "ich bin ein guter Mensch" und "ich bin doch kein so guter Mensch", dann nimmt man natürlich das Erste.

Und dann muss er Franklin natürlich auch dieses Buch geben.

Jetzt kommt der zweite Schritt, der im Grunde wieder genauso funktioniert:

In dem Moment, wo er das Buch wirklich überreicht, entstehen schon wieder zwei Überzeugungen in seinem Kopf, die nicht zusammenpassen:

Auf der einen Seite "ich gebe Benjamin Franklin dieses wertvolle Buch - ja bin ich denn blöd?! Wie kann ich diesem Idioten dieses kostbare Buch geben!" Das kann und will der Kopf natürlich nicht als Erklärung akzeptieren, also sucht er sich eine andere.

Und die lautet dann: "Ich gebe Benjamin Franklin freiwillig dieses Buch - so schlimm ist der ja auch gar nicht." 

Wieder zwei Überzeugungen, die nicht zusammenpassen. Und wieder muss der Kopf sich für eine von beiden entscheiden. Und wieder fällt die Wahl nicht schwer.

Wir entscheiden uns *immer* für die Variante, bei der wir selber besser dastehen. Jeder Mensch ist in seiner eigenen Geschichte der Gute.

Mr X muss also zu der Überzeugung kommen, dass Benjamin Franklin viel netter ist als gedacht. Und genau das erklärt den ganzen Effekt.

Franklin ist jetzt im Ansehen von Mister X gestiegen. Und wenn sie sich das nächste Mal begegnen, dann hat sich schon spürbar etwas zum guten verändert. Und in diesem ganz speziellen Fall hat es ja sogar so weit geführt, dass die beiden Männer Freunde wurden.

Ist das nicht großartig?

Übertragen wir das ganze jetzt wieder zurück auf den Einstand und den neuen Job: 

Wenn du möchtest, dass du mit deinen neuen Kollegen ein miteinander auf Augenhöhe erreichst, dann ist immer nur hilfsbereit und gefällig sein kein guter Weg.

Natürlich ist es auch kein guter Weg, die anderen andauernd nur um Gefallen zu bitten und sie womöglich deine Arbeit erledigen zu lassen.

Die Mischung macht's:

Wenn es sich gerade anbietet, dass du etwas für die anderen tun kannst, dann tu es - denn so sind nette Menschen.

Aber wenn du Hilfe brauchst, dann hab keine Scheu, jemanden um diese Hilfe zu bitten.

Wenn du etwas nicht verstanden hast, dann geh auf jemanden zu und sage "ich habe das nicht verstanden, kannst du das bitte noch mal mit mir durchgehen."

Such dir dabei nicht unbedingt die Kollegen aus, die bisher sowieso schon immer so nett zu dir waren, sondern geh ganz gezielt auf die Leute zu, zu denen du noch keinen so guten Draht hast.

Damit schlägst du zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen wirst du etwas dazu lernen, und mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sich das Verhältnis auch zu diesen Kollegen verbessern.

Also jetzt mal ehrlich: Als du das Thema dieser Folge gehört hast, da hast du mit Sicherheit nicht gerechnet, wo wir inhaltlich landen, oder? Aber ich finde das so spannend!

Der Tipp der Woche

Was heißt das jetzt für dich, Edina – und für alle, die vielleicht auch gerade neu in einer Firma angekommen sind?

Tue nichts, hinter dem du nicht selber stehst. Feier also nicht nach einer Woche deinen Einstand, nur weil dir jemand gesagt hat, dass das unbedingt so sein müsste.

Du wirst ein besseres Verhältnis zu deinen neuen Kollegen aufbauen, wenn du dich auf der einen Seite bemühst, selber ein guter Kollege zu sein – und du dir Hilfe und Unterstützung gezielt bei den Kollegen suchst, mit denen dir der Umgang noch schwerfällt.

Denn, um Benjamin Franklin noch ein letztes Mal zu zitieren:

"Wer dir einmal einen Gefallen getan hat, wird eher bereit sein, dir einen weiteren zu erweisen, als der, dem du selbst einen Gefallen getan hast."

Und apropos… Darf ich dich um einen Gefallen bitten? Ich möchte, dass dieser Podcast möglichst viele Menschen erreicht, für die er interessant und hilfreich sein könnte. Doch dazu brauche ich deine Unterstützung.

Wenn du die Podcast-App von Apple benutzt – oder das, was früher mal als iTunes bekannt war – dann wäre es großartig, wenn du eine Bewertung dort hinterlassen könntest. Denn das nimmt Apple als Signal: hoppla, der Podcast scheint interessant zu sein, den zeige ich mal ein paar mehr Leuten an.

Du kannst dazu einfach auf die Sterne unter Bewertung klicken oder du schreibst sogar ein bis zwei Seäze dazu – das liebt Apple ganz besonders. Und ich ehrlich gesagt auch.

Außerdem kannst du dabei gleich diese Folge auf den Prüfstand stellen, denn sobald du deine Bewertung abgegeben hast - sobald du mir also einen Gefallen getan hast - wirst du merken, dass ich dir etwas sympathischer geworden bin. 

Cool, oder? 

Wir hören uns in der kommenden Woche.

Bis bald!

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