009: Häufige Wechsel im Lebenslauf

Veröffentlicht am 26.09.2021

Jetzt die ganze Folge anhören

Hier klicken für den kompletten Text

Früher wollte ich immer Selbstverteidigung lernen aber irgendwie konnte ich mich nie dazu aufraffen. 

Immerhin habe ich vor ein paar Jahren mit dem laufen angefangen und jetzt kann ich etwas, was fast genauso hilfreich ist – nämlich weglaufen

Und zum Thema weglaufen, hab ich diese Woche eine Frage zugeschickt bekommen.

TITELMUSIK

Heute darfst du wieder eine Stimme hören, die nicht meine ist. 

Und weil ich das so großartig finde, hier schnell noch mal der Hinweis: 

Auch du kannst mir gerne deine Frage schicken. Eine Sprachnachricht über Instagram, den Facebook Messenger oder auf LinkedIn – und dann bist du vielleicht schon bald selbst dabei, wenn es heißt:

DIE FRAGE DER WOCHE

Frederike arbeitet im Grafikbereich und hat im Vorstellungsgespräch etwas Unangenehmes erlebt:

„Ich habe tolle Referenzen, mir wird immer gesagt: super Zeugnisse, ich bringe sehr viel Know-how mit. Ich wurde dann einmal darauf aufmerksam gemacht, dass ich sehr viele Unternehmen bisher in meinem Lebenslauf drin habe.

Ich habe auch einen lückenlosen aufgeschrieben. Und dann wurde mir einmal mitgeteilt, dass mich Leute deswegen nicht einladen wollen würden, weil es so aussieht, als wenn ich immer von dem Unternehmen weglaufen würde. 

Was nun mal nicht der Fall ist. 

Wie kann ich darauf am besten reagieren?“

Das ist ganz schön blöd, oder?

Da hat Frederike sich extra die Mühe gemacht, alle Lücken in ihrem Werdegang zu schließen und wie wird es ihr gedankt? Mit einem Vorwurf. „Sie haben ja viel zu oft gewechselt!“

Dabei ist das nichts, was besonders selten vorkommt.

Zumindest nicht mehr heute, wenn ich an meine Eltern denke … das war eine ganz andere Zeit. Mein Vater hat einmal im Leben gewechselt und alle haben ihn für verrückt erklärt.

„Die Firma verlassen, was anderes machen? Spinnst du?“

Doch die Zeiten sind anders geworden, und auch die Beschäftigungsverhältnisse sind heute, na ja, nennen wir es mal liebevoll, flexibler.

Und das führt dazu, dass Menschen wie Frederike ein paar  Arbeitgeber mehr im Lebenslauf stehen haben.

Ich habe sie gefragt, wie es denn zu diesen vielen Stationen gekommen ist. Und die Antwort hat mich nicht überrascht. Es war sogar genau das, was ich vermutet hatte:

Auf der einen Seite waren da viele befristete Beschäftigungen dabei.

Und ganz ehrlich, wenn die Unternehmen nur befristet einstellen, dann sollte man sich das hinterher nicht noch von anderen Unternehmen vorwerfen lassen müssen, oder?

Aber natürlich hat sie selbst auch ihren Teil dazu beigetragen. Sie hat mir erzählt, dass sie am Anfang nicht genau wusste, was sie eigentlich genau will.

Wie sie ihre verschiedenen Talente eigentlich einsetzen möchte.

Denn Frederike ist nicht nur grafisch sehr fit, sie hat gleichzeitig ein gutes Gespür dafür, wie man mit Menschen umgeht.

Wenn man dann erst mal in einem Job landet, wo es nur um das fachliche geht, dann ist das natürlich für eine Weile okay. Irgendwann merkt man dann aber doch: „Hey, der Kontakt zu anderen Menschen, der fehlt mir, das ist mir auch wichtig.“

Dann ist es doch vollkommen legitim, zu sagen: „Ich gehe mal woanders hin und nutze die Chance, meine Aufgaben ein bisschen in diese Richtung zu verschieben.“

Und vielleicht klappt das nicht gleich, und man muss noch mal wechseln, um weiterzusuchen.

Aber so ist das eben. Um herauszufinden, was man wirklich will, muss man oft erst mal erleben, was man alles nicht will. 

Und das ist ehrlich gesagt bei den meisten Menschen so, mit denen ich gearbeitet habe und die einen ähnlichen Lebenslauf hatten wie Frederike.

Da sind immer ein bisschen äußere Umstände dabei, also Befristungen oder projektbezogene Verträge. Und auf der anderen Seite greift man eben manchmal daneben und sucht sich freiwillig wieder was Neues.

Und deswegen an der Stelle schon mal der erste Tipp:

Wenn dein Lebenslauf so ähnlich aussieht, dann schreib bei allen Stellen, die befristet waren auch dazu, dass sie befristet waren. 

So fällt schon mal ein großer Teil an möglicher Kritik weg, denn dafür kannst du ja nichts.

Bleiben aber immer noch die Wechsel, die man selbst zu verantworten hat.

Und ich finde, wenn man nur noch nach denen gefragt wird, dann fühlt sich das auch schon nicht mehr so scharf an.

Das hat die Firma in diesem Fall aber gar nicht gemacht. Die Firma war viel gemeiner und hat dir im Gespräch gesagt, „Wir wollten sie erst gar nicht einladen. Sie haben viel zu oft gewechselt. Sie laufen ja vor den Jobs weg!“

Kein Wunder, dass dir da die Sprache weggeblieben ist. Denn das ist eine knallharte Provokation.

Und jetzt halte dich fest, denn das ist immer ein extrem gutes Zeichen.

Wir müssen jetzt einen kleinen gedanklichen Knoten auflösen, an dem man normalerweise immer hängen bleibt.

Da sitzt also vorher jemand im Unternehmen und sichtet vielleicht 300, 400 Bewerbungen.

Und an mindestens 390 davon schickt er eine Absage. 

Du hast keine Absage bekommen, du wurdest eingeladen.

Und dann sitzt der im Gespräch und sagt dir, „Ach, ich wollte Sie eigentlich gar nicht einladen, Sie haben so oft gewechselt.“

McFly? Jemand zu Hause? Er wusste doch, dass du so oft gewechselt hast. Das sieht man doch in deinem Lebenslauf.

Wieso hat er dann nicht einen der 390 anderen eingeladen – sondern dich?

Ganz einfach: Weil dieser Vorwurf nicht echt ist.

Die Firma will damit was ganz anderes bezwecken.

Wenn du zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wirst, dann hat die Firma zu allem, was in deinen Unterlagen steht, schon längst okay gesagt.

Du hast oft gewechselt? Das ist okay,

Du hast eine Lücke von zwei Jahren? Das ist okay. 

Du hast nicht das richtige Studium? Das ist okay.

Wenn es nicht okay wäre, wenn es für die Firma ernsthaft nicht in Ordnung wäre, dann hättest du eine Absage bekommen.

Hast du aber nicht. 

Du gehörst zu der kleinen Handvoll an Menschen, die zum persönlichen Gespräch eingeladen wurden. 

Das heißt immer: Die Firma hat längst akzeptiert, dass dein Lebenslauf so aussieht!

Aber warum stellt sie dir dann diese Frage?

Die Frage hat nur einen einzigen Zweck: Sie soll Stress auslösen.

Denn natürlich zeigt sich jede Bewerberin im Gespräch von ihrer besten Seite. Oh ja, ich bin kritikfähig, ich bin ganz offen, ich bin lösungsorientiert – aber das sind nur Worte.

Wie ist die Frederike denn wirklich, wenn wir sie jetzt mal ein bisschen ärgern? Bleibt sie dann immer noch so freundlich? Bleibt sie dann immer noch lösungsorientiert? Oder geht sie uns gleich verbal an die Gurgel? 

Genau das wird mit dieser Frage geprüft.

Wenn du jetzt also auf die Barrikaden gehst und womöglich sagst, „Ja hallo, geht’s noch? Sie wussten doch wie mein Lebenslauf aussieht, wieso laden sie mich denn dann überhaupt ein?“ Dann hast du gerade so ziemlich das Schlimmste gemacht, was man in dieser Situation tun kann.

Das Beste wäre es, ruhig und sachlich darauf zu antworten. So wie ich das vorhin am Anfang dieser Folge auch auseinandergenommen habe:

„Ich habe tatsächlich schon einige Wechsel hinter mir. Bei der RocketRunner GmbH war ich nur befristet, genauso bei Müller und Co. Und bei Detrimental Detonators, lag es eher an den Aufgaben, dass ich dort nicht so lange geblieben bin. 

Wir können gerne noch einzelne Stationen durchsprechen, wenn Ihnen da irgendwas Kopfschmerzen bereitet.“

Und du wirst sehen, dass aus diesem sehr großen und auch wirklich gemeinen Vorwurf ganz schnell wieder ein ganz freundliches und vor allem sachliches Gespräch wird. 

DER TIPP DER WOCHE

Provokationen sind ein beliebtes Mittel im Vorstellungsgespräch – doch sie sind nie ernst gemeint.

Kein Unternehmen der Welt hat Zeit, um Kandidaten einzuladen, denen sie nicht auch den Job geben würden.

Und ich kann dir auch verraten: von der anderen Seite des Schreibtisches ist es furchtbar einfach, aus wirklich jedem beliebigen Werdegang einen Vorwurf zu basteln.

Warum haben Sie so oft gewechselt?

Warum sind Sie so ewig bei diesem ein Unternehmen geblieben?

Wollten Sie sich gar nicht weiterentwickeln?

Es gibt keinen richtigen Werdegang.

Wenn du also im Gespräch selbst mal so einen Vorwurf bekommst, dann denke immer dran: Das ist nicht echt.

Und bring das Gespräch wieder auf die Sachebene zurück.

Das ist übrigens eins meiner Lieblingsthemen im Coaching. Ich liebe es, die Methoden, die hinter einem Vorstellungsgespräch stecken, zu erklären und Bewerbern einen Blick hinter die Kulissen zu geben.

Wenn du erst mal verstehst, warum du im Gespräch bestimmte Sachen gefragt wirst – dann kannst du auch ganz anders darauf reagieren.

Wenn du da neugierig drauf bist – melde dich gerne!

Und dir, Frederike, wünsche ich jetzt sogar, dass dir diese Frage möglichst bald wieder gestellt wird. 

Damit du gleich beobachten kannst, wie entspannt das Gespräch weitergehen kann, wenn du dich eben nicht provozieren lässt.

Das war wieder eine sehr spannende Frage. Und du weißt ja: Auch auf deine Frage freue ich mich. 

Und falls du mir bis zur nächsten Woche keine Nachricht schickst, dann sag ich schon mal vorsorglich

bis bald.

Kostenlos abonnieren

Erfolgreich bewerben, ohne sich zu verkaufen.
searchfacebook-squarelinkedin-squareangle-downrss-squareinstagramapplegooglespotifyarrow-down