006: Bleiben oder gehen

Veröffentlicht am 05.09.2021

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Eins muss ich ja wirklich mal sagen: Auf euch ist Verlass! Denn ich habe euch letzte Woche um etwas gebeten, und ihr habt geliefert. 

Was das ist – das erfährst du gleich nach dem Intro.

TITELMUSIK

Bisher war es ja immer so, dass ich hier einen Monolog halte. In der letzten Ausgabe habe ich euch dann gefragt, welche Themen euch interessieren. 

Und eine von euch hat nicht lange gezögert und kann sich ab heute damit rühmen, bei einer echten Premiere mitgewirkt zu haben. Denn hier ist …

DIE FRAGE DER WOCHE

Die kommt diese Woche von Hannah. Sie ist 47 und möchte folgendes wissen:

„Das Thema ist Arbeitswechsel und Behinderung. Wie gehe ich damit um? In der Bewerbung. Ich bin jemand, der mit damit offen umgehen möchte.

Vermutlich auch muss, da ja auch dann die Kündigungsfrist davon abhängig ist. 

Wie finde ich einen Arbeitgeber, der mit dem Thema kein Problem hat und meine Stärken, aus denen ich ja hauptsächlich bestehe, zu schätzen weiß.

Ich muss dazu sagen, der aktuelle Job ist sicher. Ich muss nicht wechseln. Ich möchte gegebenenfalls wechseln, da der Lebensgefährte in einer anderen Stadt wohnt, als ich.

Aber die Angst bestehen natürlich, dass man dann in der Probezeit, die man dann ja wieder hätte, dummerweise einen Schub kriegt und dann halt ausfällt für möglicherweise auch längere Zeit. Und dann eben die Probezeit nicht besteht und dafür den anderen Job, der halt sicher ist und sicher war, aufgegeben hat und dann wieder vor dem Nichts steht, vor dem man ja nicht stehen möchte, schon gar nicht mit dieser Belastung im Hintergrund, dass man ja auch nicht jeden Job machen kann unbedingt.

Es ist halt eine Frage, wechsel ich oder wechsele ich nicht? Will ich Sicherheit oder will ich vielleicht noch mal was anderes machen?“

Ihr habt es vielleicht gehört, die Stimme habe ich ein wenig verfremdet. Und Hannah heißt auch gar nicht so, sie durfte sich ihren Namen für diese Folge selbst aussuchen. So kann sie ganz anonym bleiben.

Aber zurück zur Frage:

Versetz dich mal in diese Situation: Du hast einen Job und bist auch nicht gezwungen, zu gehen. Aber du möchtest diesen Job nicht mehr machen – ganz egal aus welchen Gründen.

Da springt doch kaum jemand auf und sagt "okay, dann kündige ich jetzt mal und gucke, wie es weitergeht“ – denn von so einem Job hängt ja eine ganze Menge ab.

Am liebsten kündigt man doch erst dann, wenn man woanders schon einen Vertrag in der Tasche hat. Und selbst dann bleibt ja immer ein kleines Restrisiko, dass es mit dem neuen Job nicht so laut läuft wie erhofft.

Und jetzt stell dir dieses Gefühl noch eine Nummer schlimmer vor: Denn mit einer Behinderung kann es in der Probezeit zu Problemen kommen, die du in keiner Weise kontrollieren kannst. Probleme, denen du im wahrsten Sinne des Wortes ausgeliefert bist.

Das macht die Entscheidung nicht leichter.

Zuerst habe ich Hanna deswegen gefragt, ob sie mir etwas zu ihrer Behinderung sagen möchte. Sie spricht am Anfang vom GdB, und das steht für Grad der Behinderung.

„Der GdB ist 50 bei mir. Man sieht die Behinderung nicht sofort. Es ist eine MS, Multiple Sklerose, die sich hauptsächlich bei mir bemerkbar macht in Müdigkeit akut, und ab und an halt ein paar Schübe, die sich aber sehr, sehr, sehr, sehr im Zaum halten, und mich nicht irgendwie täglich belasten.“

Sie hat also MS. Das nennt man auch die Krankheit der 1000 Gesichter, da sie bei jedem Menschen einen ganz individuellen und sehr unterschiedlichen Verlauf nimmt. Eins haben die meisten Formen aber gemeinsam, nämlich die Schübe, von denen Hannah gerade gesprochen hat.

Es kann sein, dass es Betroffenen eine lange Zeit gut geht und sie sehr stabil sind, und dann verschlechtert sich der Zustand plötzlich sehr schnell. Man sagt dann, dass die Krankheit einen Schub gemacht hat.

Als Mensch, der eine MS hat, kann man nie wissen, wann so ein Schub passieren wird. Und Hannahs Sorge ist es eben, dass das ausgerechnet in der Probezeit so ein könnte. Das könnte dann natürlich bei einem neuen Arbeitgeber den Eindruck hinterlassen: „Na, das wird nichts, die ist ja schon jetzt andauernd krank, das geht bestimmt die ganze Zeit so weiter.“

Auch, wenn das vielleicht eine riesige Ausnahme war und die nächsten Jahre alles ruhig wäre.

Wie gehe ich also mit dieser Unsicherheit um?

Mein Rat gilt dabei für alle – ob mit Behinderung oder ohne. Denn wie gesagt, das Gefühl kennt jeder. Aber wie ernst sollte und muss man dieses Gefühl eigentlich nehmen?

Da empfehle ich immer drei Schritte. Die meisten Menschen machen nur den ersten Schritt und hören danach auf. Du wirst aber merken, wenn du alle drei Schritte durchgehst, dann wirst du auch deine Antwort finden.

Schritt eins: Mal dir in Gedanken ganz genau aus, was das allerschlimmste wäre, was dir passieren könnte. So ein richtiges Katastrophenszenario.

In Hannas Fall könnte das zum Beispiel so aussehen:

„Ich werde meinen sicheren Job kündigen und in eine neue Stadt umziehen und dort bei einem neuen Unternehmen anfangen und dort in der Probezeit einen Schub bekommen. Und dieser Schub wird so heftig ausfallen, dass ich arbeitsunfähig werde, und zwar für längere Zeit. Und dieser Ausfall wird dann dazu führen, dass die Firma mich entlassen wird. Und ich werde so schnell nichts Neues finden. Und dann stehe ich vor dem Nichts."

Wie gesagt: An dieser Stelle hören die meisten auf und entscheiden: "Ne, das ist es nicht wert. Ich bleib mal schön da, wo ich bin."

Aber ihr wisst ja, es kommen noch zwei Schritte:

Im Schritt zwei überlegst du dir jetzt genauso detailliert, wie du mit diesem Katastrophenszenario umgehen wirst, wenn es eintritt: Wovon wirst du leben? Wo wirst du wohnen? Worauf wirst du verzichten müssen – ganz konkret: den Sportverein? Das Netflix Abo? Das warme Essen?

Komischerweise stellen wir uns diese Frage nicht. Das Horrorszenario hat uns schon so erschreckt, dass wir lieber nicht weiter drüber nachdenken. Dabei stellen wir in diesem zweiten Schritt meistens fest: „Okay, das wird nicht schön, aber die Welt wird nicht untergehen. Vielleicht beziehe ich Hartz IV und muss in eine kleinere Wohnung, Aber umbringen wird es mich nicht.“

Und jetzt kommt der allerwichtigste Schritt, Schritt 3:

Jetzt gehst du noch mal dein Katastrophenszenario durch und zählst, wie oft darin das Wort "und" vorkommt. Klingt erst mal komisch, hat aber einen Sinn.  Dazu muss ich ein klein bisschen ausholen:

Stell dir vor, du gehst jetzt raus und spazierst 500 m die Straße entlang.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass du das genau so machen könntest. Vermutlich fast 100 %. Wahrscheinlich kann fast jeder von uns 500 m von seiner Wohnung weit spazieren gehen. 

Jetzt ergänzen wir das Ganze aber um ein "und"

Stell dir vor, du gehst jetzt 500 m spazieren und triffst jemanden.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit? Etwas geringer als in der ersten Version, denn von allen Möglichkeiten, was dir so passieren kann, während du die 500 m gehst, gucken wir  uns jetzt nur noch die Fälle an, in denen dir zufällig jemand anderes entgegenkommt. Es ist also etwas weniger wahrscheinlich, dass das passieren wird.

Und noch ein "und":

Du gehst 500 m spazieren und jemand kommt dir entgegen und dieser jemand sagt "Guten Tag"

Diese Geschichte ist wieder ein klein wenig unwahrscheinlicher als die davor. Den von allen Fällen, in denen wir jemand begegnen, gucken wir dir nur noch die Fälle an, in denen dieser Mensch auch noch „Guten Tag“ sagt.

Es wird also immer spezieller und wir sortieren immer Szenarien aus.

Und das können wir jetzt immer so weiter treiben:

Du spazierst 500 m und jemand kommt dir entgegen und dieser jemand sagt „Guten Tag“ und dabei handelt es sich um eine Frau und diese Frau ist zwischen 30 und 35 Jahre alt und sie heißt Ariane.

Das ist jetzt extrem unwahrscheinlich. Woran können wir das erkennen? Daran, wie oft ein "und" im Satz vorkommt. Denn mit jedem "und" schieben wir eine neue Bedingung nach, durch die die Anzahl an Möglichkeiten immer kleiner wird. 

Auf der Straße spazieren gehen? 100 %

Dabei von der 34-jährige Ariane gegrüßt werden? 0,2 %

In unserem Katastrophenszenario ist das nicht anders. Mit jedem "und" hängen wir mal eben eine ganz neue Bedingung an – und reduzieren gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit, dass das auch wirklich so kommen wird.

In Hannahs Beispiel sind das ganz schön viele "und" – hören wir noch mal rein:

„Ich werde meinen sicheren Job kündigen und in eine neue Stadt umziehen und dort bei einem neuen Unternehmen anfangen und dort in der Probezeit einen Schub bekommen. Und dieser Schub wird so heftig ausfallen, dass ich arbeitsunfähig werde, und zwar für längere Zeit. Und dieser Ausfall wird dann dazu führen, dass die Firma mich entlassen wird. Und ich werde so schnell nichts Neues finden. Und dann stehe ich vor dem Nichts.“

Hast du mit gezählt? Das waren acht "und"s. Und damit die Katastrophe eintritt, müssen die alle wahr werden. Sobald sich das Schicksal auch nur an einem einzigen "und" anders entscheidet, tritt die Katastrophe niemals ein.

Ist das nicht beruhigend?

Vielleicht wirst du deinen Job kündigen, aber du wirst in der Probezeit keinen Schub erleben.

Vielleicht wirst du einen Schub haben, aber der setzt dich nur ein paar Tage außer Gefecht.

Vielleicht wirst du in der Probezeit längere Zeit krank, aber die Firma hat Verständnis dafür und entlässt dich nicht.

Vielleicht wirst du entlassen, aber du findest schnell einen neuen Job.

Wenn man sich das so vor Augen führt, dann klingt das doch schon ganz anders, oder?

Das ist jetzt schon eine ganz schön lange Folge geworden, aber ich möchte wenigstens noch kurz was dazu sagen, wie man jetzt in der schriftlichen Bewerbung damit umgeht:

Und da gilt: Mach es so, wie es sich für dich richtig anfühlt.

In erster Linie ist alles, was unsere Gesundheit betrifft, unsere Privatsphäre. Wenn deine Krankheit also niemand anderen in der Firma gefährdet, dann hat die Firma auch kein Recht, davon zu erfahren.

Eine MS ist nicht ansteckend, du bist also nicht verpflichtet, dass irgend jemandem zu sagen.

Auf der anderen Seite wirst du besonders im öffentlichen Dienst mehr Einladungen erhalten und bekommst so häufiger die Chance, dich persönlich vorzustellen. Und im persönlichen Gespräch wird dann viel besser deutlich, dass du eben nicht deine Behinderung bist, sondern deine Behinderung nur ein ganz kleiner Teil von dir. 

Und wieder auf der anderen Seite wird es auch Unternehmen geben, die dich deswegen erst gar nicht einladen. Aber ehrlich gesagt wären das auch genau die Ersten, die dich entlassen würden, wenn du dann doch mal einen Schub durchleben musst.

Ich finde deine Idee, nämlich offen damit umzugehen, daher ganz großartig. Es hilft beiden Seiten schon früh herauszufinden, wie man zu diesem Thema steht.

Ich habe Hanna auch gefragt, ob sie schon schlechte Erfahrungen damit gemacht hat:

„Nein, eigentlich im Gegenteil, wenn ich offen damit umgehe, haben die meisten Menschen Verständnis. Ist ein blödes Wort, aber. Sie sehen mich als Menschen und nicht als Behinderung. Und wie gesagt, wichtig ist mir halt, dass man sieht, dass ich eben hauptsächlich aus meinen Stärken bestehe und aus dem, was ich kann und nicht aus der Behinderung. Das ist halt auch nur ein Teil von mir, wie bei anderen Leuten. Keine Ahnung. Da fällt mir nichts Passendes dazu ein, aber es ist gehört dazu.“

´Schöner hätte ich es auch nicht sagen können.

DER TIPP DER WOCHE

Wenn du gerade mit der Entscheidung kämpfst, bleiben oder gehen? Die Sicherheit genießen oder etwas Neues ausprobieren? Dann denke immer an die drei Schritte:

Schritt eins: Schreibe dir auf, wie das schlimmste Szenario aussieht, das dir überhaupt nur passieren könnte.

Schritt zwei: Male dir genauso detailliert aus, wie du mit diesem Horrorszenario umgehen würdest. Was für ganz konkrete Folgen hätte das für dein Leben?

Und Schritt drei: Zähle, wie oft das Wort "und" in deinem Katastrophenszenario vorkommt. Frag dich dann: Was würde passieren, wenn auch nur eines dieser "und"s sich nicht bewahrheitet.

Ich bedanke mich bei Hanna für die tolle und wichtige Frage. Wenn auch du einmal dabei sein möchtest, dann schick mir eine Sprachnachricht. 

Das geht inzwischen ganz komfortabel im Facebook Messenger, in den Instagram Nachrichten und sogar auf LinkedIn.

Ich freue mich von dir zu hören, und wir hören uns hier schon nächste Woche wieder.

Bis bald.

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