002: Hier ist dein Anschreiben!

Veröffentlicht am 08.08.2021

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Heute wird es ein bisschen gruselig, denn ich werde dir zeigen, dass ich hellsehen kann.

Dazu suchst du jetzt am besten schon mal dein Anschreiben raus und ich spiele solange die Titelmusik, ok?

Na, liegt dein Anschreiben parat? Nicht? Okay, die Musik ist auch wirklich kurz. Aber kein Problem.

Denn vermutlich hast du so ungefähr im Kopf, was in deinem Anschreiben steht. Nicht Wort für Wort. Aber sinngemäß.

Und ob du das jetzt glaubst oder nicht:

Obwohl ich nicht mal in deiner Nähe bin – werde ich dir jetzt *dein* Anschreiben vorlesen.

Bist du bereit? Dann geht’s los.

Ganz oben steht … dein Name und deine Adresse. Und bist du schon beeindruckt?

Nicht? Dann lege ich noch mal nach, denn danach steht der Name des Unternehmens, bei dem du dich bewirbst.

Dicht gefolgt von Ort und Datum und einer Betreffzeile.

Hmm, warte, die kann ich jetzt auch genauer sehen … Da steht so was wie „Bewerbung als“ na ja und dann halt der Job, auf den du dich bewirbst.

Und dann steht in der nächsten Zeile sehr geehrter Herr oder Frau so und so.

Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass du bis hierhin noch immer nicht so richtig beeindruckt bist,

Kann ich allerdings auch nachvollziehen, denn bisher habe ich ja auch nur gesagt, was in jedem Geschäftsbrief steht,

Und nur mal so nebenbei, wenn davon irgendwas nicht stimmte, dann solltest du dein Anschreiben noch mal überprüfen. Aber jetzt kommen wir zu dem wirklich gruseligen Part, wenn wir mit dem Rest genauso weiter machen. Und den kann ich doch nicht kennen, oder?

Sehr geehrter so und so,

hiermit bewerbe ich mich auf die ausgeschriebene Stelle als das und das.

Okay, vielleicht steht das auch nicht genauso da, vielleicht steht da auch

mit großem Interesse habe ich ihre Stellenanzeige gelesen, in der sie einen sdfad suchen.

Da diese ausgeschriebene Position sehr gut zu meinen Erfahrungen und meinen beruflichen Zielen passt, möchte ich mich hiermit auf diese Stelle bewerben.

Na? Liege ich richtig?

Du wärst überrascht, wenn du sehen könntest, wie viele Bewerbungen tatsächlich immer so anfangen.

Mit großem Interesse habe ich – oder mein absoluter Favorit – hiermit bewerbe ich mich.

Und das muss man sich jetzt echt mal ganz genau vorstellen, was da jeden Tag passiert, wenn jemand so eine Bewerbung liest.

Also, stell dir mal ganz kurz vor, du wärst jetzt gar keine Bewerberin, sondern jemand, der bei der Firma dafür zuständig ist, die richtigen Kandidaten aus der großen Masse an Bewerbungen rauszufischen.

Du hast also vor ein paar Tagen eine Stellenausschreibung ins Internet gestellt. Da steht zum Beispiel drinsteht, dass du eine neue Teamleiterin im Marketing suchst.

Dann kommt eine E-Mail bei dir an und du siehst in der Betreffzeile Bewerbung als Teamleiterin Marketing.

Okay, denkst du, prima! Das geht um die Stelle, die ich ausgeschrieben habe, das gucke ich mir mal an. Du machst also die Mail auf und fängst an zu lesen. Sehr geehrter Herr schwuppdiwupp,

Anbei finden sie meine Unterlagen für die Bewerbung als Teamleiterin im Marketing.

HA, denkst du dir, ich alter Fuchs, habe ich doch recht gehabt. In der Mail mit dem Betreff „Bewerbung“ steht auch im Text noch mal, dass sie sich bei mir bewirbt. Es könnte also wirklich eine Bewerbung sein.

Und noch ein Hinweis: Da sind auch Anhänge dabei, z. B. ein PDF mit dem Namen: Bewerbung.

Das öffnest du natürlich und siehst ein Anschreiben. Und da steht ganz groß in der Betreffzeile, sodass das Auge gleich dran hängen bleibt, Bewerbung als Teamleiterin Marketing.

Das war jetzt schon der vierte Hinweis, dass es sich um eine Bewerbung handelt. Jetzt willst du natürlich auch mehr über die Kandidaten wissen und freust dich auf das Anschreiben. Was wirst du alles Neues und interessantes über diesen Menschen erfahren?

Du liest also weiter:

Sehr geehrter Herr Schwuppdiwupp, hiermit bewerbe ich mich als Teamleiterin im Marketing.

Super, das wirklich mal vorstellen, wie sich das als personaler anfühlt. Wenn ich bei diesem Satz angekommen bin, hast du mir schon vier Mal gesagt, dass du dich bewirbst – und das Erste, was du mir sagst, ist, dass du mir gerade eine Bewerbung schickst?

Das meint natürlich kein Bewerber böse, viele schreiben das einfach, weil sie glauben, dass das so sein muss.

Aber als Personaler ist das echt zum Verzweifeln. Denn die müssen das jeden Tag zigfach lesen. Und würden so gerne stattdessen mal was Interessantes lesen. Irgendwas was ihnen weiterhilft!

Stattdessen werden personaler von Bewerbern oft unabsichtlich so behandelt als wären sie doof.

Das kommt dann auch gerne mal in solchen Sätzen wie "weitere Informationen nehmen Sie bitte den beigefügten Lebenslauf". Ach was! Gehst du auch zum Bäcker und sagst: Ich hätte gerne drei Brötchen, die Hunden braunen Dinger im Korb hinter Ihnen. Zum Verpacken können Sie gerne eines der Papiertütchen benutzen, dem Regal darunter liegen.

Oh Mann, jetzt habe ich mich an dem Thema so ein bisschen fest geredet. Dabei wollte ich dir doch zeigen, dass ich auch den Rest vom Anschreiben kenne. Machen wir also mit dem zweiten Absatz weiter. Da hoffen wir natürlich, dass jetzt was Hilfreiches drin steht, denn am Ende soll ich entscheiden, ob das ne gute Kandidatin ist oder nicht.

Ich gucke also tief in meine Kristallkugel und lese weiter in deinem Anschreiben. Der zweiten Absatz.

Ich bin gelernte Bürokauffrau und habe die letzten fünf Jahre in einem mittelständischen Unternehmen in der Industrie gearbeitet. Dabei gehörte das operative Tagesgeschäft, Rechnungsstellung und auch die vorbereitende Buchhaltung zu meinen Aufgaben. Außerdem habe ich mich um die Einarbeitung neuer Mitarbeiter gekümmert.

Gut, die Wahrscheinlichkeit, dass das jetzt exakt so in deinem Anschreiben steht, ist gering, aber die Richtung, die wird stimmen: Im zweiten Absatz steht nämlich oft eine kurze Zusammenfassung des Lebenslaufs.

Also, was bin ich von Beruf? Wo arbeite ich gerade? Was mache ich so an Aufgaben? Was bringe ich an Qualifikationen mit?

Das ist ja auch nicht verkehrt, aber das steht halt auch schon genauso im Lebenslauf. Nein, im Lebenslauf steht’s sogar etwas besser drin, da ist es nämlich eher so im Telegramm-Stil gehalten, sodass ich das ganz schnell lesen und erfassen kann.

Und es ist immer gut, wenn es um Zahlen, Daten und Fakten geht. Also wann war ich wo wie lange und was habe ich da gemacht. Kann man halt einfacher verstehen, wenn es nicht in einem Roman als ganzer Text formuliert ist, sondern wenn man da die Daten einfach auflistet:

2016-2019 Fachfrau für Marketing
Rocket Runner GmbH Hamburg

  • operatives Tagesgeschäft
  • Rechnungsstellung
  • vorbereitende Buchhaltung

So, das heißt, der erste Absatz war schon vergeblich. Da stand im Grunde nur drin, dass du dich bewirbst. Der zweite war eine schlechte Kopie des Lebenslaufs. Dann gucken wir mal in den dritten Absatz.

Ich konzentriere mich jetzt wieder – möchtest, kannst du gerne deine Hand flach aufs Handy legen. Das hilft mir zwar nicht weiter, sieht für die Leute um dich herum aber sicher lustig aus.

Ah, jetzt kann ich es lesen:

Ich bin kommunikativ, kundenorientiert und zeichne mich durch eine Hands-on-Mentalität aus. Darüber hinaus bin ich teamfähig, flexibel und innovativ. Meine Kollegen schätzen an mir vor allem, meine Zuverlässigkeit und meine Kompromissbereitschaft. Sehr gute Englischkenntnisse runden mein Profil ab.

Der dritte Absatz – häufig der schlimmste von allen – ist so eine Art Sammelbecken für Adjektive.

Also in diesem Fall waren das jetzt zum Beispiel neun Adjektive – und ich bin mir sicher, dass du die schon jetzt vergessen hast.

Warum? Weil das alles abstrakte Begriffe sind.

Die fliegen leicht ins Ohr rein und purzeln ungebremst aus dem anderen Ohr wieder raus. Das liest sich immer erst mal total beeindruckend, ist aber nach ein, zwei Sekunden wirkungslos verpufft.

Und trotzdem besteht fast jeder dritte Absatz aus dieser furchtbaren Auflistung von Adjektiven.

Und als ob das nicht schlimm genug ist: Welche Adjektive stehen denn da drin? Meistens sind es zufällig genau die, die die Firma selbst in ihrer Stellenanzeige benutzt hat.

Wenn da also steht, wir suchen einen kommunikativen, flexiblen und teamfähigen Mitarbeiter, dann steht in 99,9 % Prozent der Anschreiben eine Mischung dieser drei Begriffe. Und da ist immerhin sechs verschiedene Arten gibt, diese Begriffe zu sortieren, hat der Personaler wenigstens da ein bisschen Abwechslung. Aber ansonsten wird er auch wieder für doof verkauft: Man schickt ihm einfach die Worte zurück, die er selbst benutzt hat.

Das Anschreiben ist schon fast vorbei – wir haben nur noch einen Absatz, den Vierten.

Also – Konzentration …

Mein Einstieg bei Ihnen ist mit einer Kündigungsfrist von sechs Wochen zum Quartalsende möglich. Meine Gehaltsvorstellung beträgt 42.000 Euro im Jahr.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mich zu einem persönlichen Gespräch einladen, mit freundlichen Grüßen.

Diesen Abschluss nenne ich immer den Pflichtteil, denn kurz bevor das Blatt voll ist, fällt einem auf, dass die Firma ja noch ein paar Infos ganz ausdrücklich gefordert hatte:

Nämlich, wann können sie hier anfangen und was wollen sie verdienen? Und dann haben wir ja auch alle irgendwann in den Ratgebern gelesen, dass man am Ende unbedingt um eine Einladung bitten sollte.

Also bringen wir das alles schnell noch im letzten Absatz unter.

Das machst du auch schon. Denk dran, du bist keine Bewerberin, du bist Personalerin und sollst jetzt nach dem Lesen entscheiden: hopp oder top? Einladen oder uninteressant?

Erinnern wir uns also noch mal, was wir durch das Anschreiben alles erfahren haben: Ich fasse das mal ganz kurz zusammen

Absender, Adresse, um welchen Job geht es

ich habe Ihre Stellenanzeige gesehen und bewerbe mich

ich bin das und das von Beruf und habe bisher das und das gemacht

ich bin so, so, so, so, so und außerdem auch noch so

(Die Worte haben Sie eh schon wieder vergessen.)

Ich könnte dann und dann anfangen

und möchte so und so viel verdienen

Bitte laden Sie mich ein.

Und kein Witz, so lesen sich wirklich fast alle Anschreiben.

Und ist das nicht Wahnsinn?

Da sitzen so viele Bewerber zu Hause und zermartern sich den Kopf, weil sie alles richtig wollen -

Und am Ende schreiben fast alle exakt dasselbe.

Wie sehr hast du dich denn in dem Anschreiben wieder erkannt?

Der Tipp der Woche

Trau dich, etwas anderes zu schreiben.

Wenn du das schreibst, was man eben so schreibt, weil man das so macht – tja dann liest sich deine Bewerbung am Ende eben auch so, als hätte *man* sich beworben.

Ich meine, es ist nicht schlimm, wenn du so was schreibst. Es hilft dir nur nicht, weil du damit in der großen grauen Masse an Bewerbern untergehst. Aber wenn du dich traust, von dem üblichen Einheitsbrei abzuweichen, dann landest du automatisch in den oberen 5–10 % aller Bewerbungen.

Wäre das nicht schön?

Und falls du jetzt Inspiration brauchst, wie du das besser machen könntest, dann findest du allein schon auf meiner Homepage jede Menge davon. Die Adresse sagt dir die freundliche Stimme im Abspann.

Und natürlich wird es auch hier im Podcast immer wieder mal um das Anschreiben gehen.

Aber wenn dich diese Ausgabe wenigstens dazu gebracht hat, über das Thema anders nachzudenken, sich zum Beispiel mal in die Sicht eines Personales zu versetzen, dann haben wir schon viel erreicht.

Denn dann bist du auf dem besten Weg, es besser zu machen.

Und ich werde dich dabei unterstützen.

Bis bald.

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