001: Niemals gut genug

Veröffentlicht am 08.08.2021

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Hast du schon mal versucht, eine Bewerbung zu schreiben?

Und bist langsam aber sicher an deinem Anschreiben verzweifelt?

Hast geschrieben und geschrieben … und am Ende dann doch wieder alles gelöscht? Immer und immer wieder?

Dann kennst du das Thema, um das es heute geht. Nämlich das Gefühl, dass es niemals gut genug ist.

Und damit meine ich nicht nur den Text, den wir schreiben. Nein, viel schlimmer: Es geht um das Gefühl, dass uns das nur deshalb so schwerfällt, weil wir selbst niemals gut genug sind.

Wie oft ich das schon gehört habe:

„Ich sitze da stundenlang dran. Tagelang! Und am Ende steht da immer derselbe Quark wie beim letzten Versuch.“

Aber woher kommt das?

Warum fällt es uns so schwer, drei, vier kurze Absätze über uns zu schreiben?

Selbst dann, wenn wir sonst im Alltag vielleicht sogar richtig gut mit Sprache umgehen können?

Ich meine, ich höre das nicht nur von Leuten, denen schreiben vielleicht generell schwerfällt, sondern von allen! Auch von Leuten, die so was beruflich machen!

„Für andere kann ich das, aber für mich kriege ich das einfach nicht hin!“

Wenn du das Gefühl also auch schon hattest, dann willkommen im Club! Das ist vollkommen normal! Es ist sogar überhaupt kein Wunder.

Denn wir werden unser ganzes Leben quasi auf dieses Problem vorbereitet. Nicht in einem guten Sinn, sondern, unser ganzes Leben sorgt dafür, dass wir später dieses Problem haben.

Es gibt im Grunde nur eine einzige Phase in unserem Leben, in der wir so ein Anschreiben richtig gut hinbekommen würden.

Da wissen wir ganz genau, was unsere Stärken sind und haben vor allem auch überhaupt kein Problem damit, das jedem zu erzählen.

Das Dumme ist nur: In dieser Phase unseres Lebens können wir noch nicht schreiben.

Das ist nämlich unsere ganz frühe Kindheit.

Hey, ich erinnere mich heute noch genau daran, wie mich mein Onkel mal dafür gelobt hat, dass ich einen Klappstuhl geöffnet habe. Ich war so stolz! Ich kann mich heute noch an diesen Moment und an das Gefühl erinnern, dass sein Lob in mir ausgelöst hat.

Ich habe begriffen: Ich kann was Gutes!

Deswegen bin ich dann auch wochenlang rumgelaufen und habe jedem, der es nicht wissen wollte, gesagt, dass ich so einen Stuhl aufstellen kann.

Und im Grunde geht's im Anschreiben doch genau darum.

Da sollen wir erzählen, was wir besonders gut können, was uns leicht fällt, was uns Freude macht. Und genau das können wir nicht. Denn diese Fähigkeit verlieren wir, wenn wir in die Schule kommen.

Ab da guckt unser Umfeld nämlich ganz anders auf uns. Da kriegen wir zwar hin und wieder auch noch mal ein Feedback, wenn wir etwas gut gemacht haben,

Aber wir lernen vor allem: Im Normalfall weist uns jemand nur noch auf unsere Fehler hin.

Kennst du noch dieses beklemmende Gefühl kurz, bevor der Lehrer die Hefte mit der Klassenarbeit zurückgibt? Ganz egal wie gut du dich vorbereitet hattest, du hattest immer Angst vor dem, was dich jetzt in deinem Heft erwartet.

Und dann klappst du es auf und jemand hat mit roter Farbe alles markiert, was du falsch gemacht hast. Dein Blick, dein Fokus, ist nur noch darauf gerichtet. Alles, was du richtig gemacht hast, tritt plötzlich in den Hintergrund. Wird unsichtbar.

Ab diesem Zeitpunkt lernen wir, Fehler zu vermeiden und wir entwickeln ein ganz scharfes Bewusstsein dafür, wo unsere Fehler und Schwächen liegen. Das geht die ganze Schulzeit so weiter – und hört danach auch nicht mehr auf.

Ganz im Gegenteil, es wird sogar schlimmer.

Wer zum Beispiel ein Studium anfängt, der bekommt nur noch negatives Feedback in Schriftform. Wundervolle Listen von Fehlern, die wir gemacht haben. Der persönliche Kontakt zu den Dozenten ist deutlich geringer als in der Schule – und dadurch auch die Chance, mal ein gutes Feedback, ein Lob zu bekommen.

Wer sich für den eher praktischen Weg entscheidet hat und eine Ausbildung anfängt, dem geht es meistens nicht viel anders.

Je nach Führungskraft bekommen wir überhaupt kein Feedback,
außer natürlich, wir haben etwas falsch gemacht.

Und jetzt stell dir mal vor, was passiert, wenn ein Mensch mehrere Jahrzehnte in so einem Umfeld verbringt:

Keiner sagt ihm, was er oder sie gut kann. Aber jeder Fehler wird einem ungefragt aufs Brot geschmiert.

Dann wissen wir am Ende ganz genau, was wir alles nicht können!

Aber unsere Stärken, die nehmen wir nicht mehr wahr. Weil sie uns von unserer Umwelt nie zurückgespielt werden.

Und damit sind wir wieder bei dem Anschreiben.

Wenn ich nie gelernt habe, wo meine Stärken und Talente liegen, wie soll ich sie dann jemand anderem erklären?

Und als ob das nicht schlimm genug wäre, ist da noch was.

Denn vielleicht hattest du das Glück und hast ab und zu Kollegen und Vorgesetzte gehabt, die dir gesagt haben, wie froh sie sind, dass sie dich haben. Die dir deutlich gezeigt haben, was sie an dir schätzen.

Besonders gute Zahlen jonglieren. Oder weil du jede noch so wütenden Kunden beruhigen kannst. Oder weil du einfach jedes Mal da bist, wenn Hilfe gebraucht wird.

Dann weißt du das vielleicht sogar. Aber selbst dann wird es dir nicht leicht fallen, das in deinem Anschreiben zu sagen. Denn: Eigenlob stinkt!

Das lernen wir ja auch von klein auf.

Nicht genug, dass sich alle nur um unsere Fehler kümmern, oh nein: Wenn wir uns selbst mal kurz die Asche vom Haupt klopfen und sagen, hey, guck mal, das habe ich richtig gut gemacht! Dann gucken die anderen plötzlich alle so sparsam.

Das gehört sich nämlich nicht.

Selbst wenn du zu den Leuten gehören solltest, die ihre Stärken und Talente kennen, dann wirst du damit nie hausieren gehen.

Da kann ich zehnmal zu dir sagen: in einem Anschreiben ist es wichtig, dass du dich selbst lobst.

Dazu steckt das alles viel zu tief in uns drin.

Dein Verstand kann das begreifen, aber dein Gefühl sagt dir,

Auf gar keinen Fall! Ich will kein Angeber sein!

Und dabei ist das so an der Realität vorbei!

Man ist kein Angeber, wenn man einem potenziellen neuen Arbeitgeber sagt, was man gut kann. Das ist nicht angeben, das ist hilfreich!

Wenn du in ein Restaurant gehst und in der Speisekarte steht, was von „Bratwurst vom Biorind an indisch gewürzter, hausgemachter Soße mit goldbraun kross frittierten Kartoffelstäbchen aus der Region“ - natürlich auch schreiben können „Currywurst Pommes“.

Aber ist es denn schlimm, die Vorzüge deutlich hervorzuheben? Macht das nicht sogar so richtig Appetit? Also ich hätte jetzt Bock auf  'ne Currywu … Ich meine, eine Bio Bratwurst mit indischer Soße.

Ist der Koch jetzt ein arroganter Angeber, weil er mich darauf hinweist, dass das Fleisch Bio ist und die Kartoffeln regional?

Nein, er macht mich neugierig. Und er macht mir die Entscheidung leichter.

Diese Hürde, also über sich selbst positiv zu schreiben, da kommen die meisten mit etwas Anschubsen von mir dann doch noch rüber.

Wirklich traurig wird es aber immer dann, wenn Leute ihre eigenen Stärken überhaupt nicht kennen.

Und das erlebe ich regelmäßig Punkt!

Ich werde niemals meinen allerersten Kunden vergessen.

Als der zu mir kam, da war der so niedergeschlagen. Seine Firma ging pleite und er musste sich was Neues suchen.

„Aber ich kann doch nichts. Ich kann überhaupt nichts!“

Mit der Haltung saß er vor mir. Und ich bin mit ihm dann seinen ganzen beruflichen Weg durchgegangen. Jede Station. Und ich habe mit den Ohren geschlackert – was der Mensch alles schon gemacht hat!

Der hat Dinge geschafft, vor denen ich schreiend weglaufen, würde – weil ich mir die einfach nicht zutraue. Ich weiß, dass ich das nicht kann. Aber der kann das. Es hat ihm nur nie einer gesagt, dass das nicht selbstverständlich ist.

Alles, was wir gut können, kommt uns nach einer Zeit selbstverständlich vor – und damit wertlos und einfach nicht der Rede wert.

„Ja, so was kann man eben! Aber ich sehe doch die anderen, die können ganz andere Sachen! Die kann ich nicht!“

Wann brauchtest Blick von außen um überhaupt erst mal zu erkennen, was man eigentlich alles kann. Und das konnte ich ihm sehr deutlich zeigen.

Er wusste am Ende ganz genau, wo seine Stärken liegen.

Und das hat nicht nur sein Anschreiben verändert, sondern sein ganzes Auftreten. Denn plötzlich hatte er was, auf das er stolz sein konnte. Etwas, dass er die ganze Zeit schon hatte – es war ihm nur nicht klar.

Und das geht so vielen Menschen so.

Vielleicht auch dir.

** Der Tipp der Woche **

Wenn du nur eine einzige Sache aus dieser Episode mitnimmst, dann lass es die hier sein:

Überall im Leben mag es höflich und sozial verträglich sein,

Wenn du nicht jedem auf die Nase bindest, was du alles kannst.

Das Anschreiben ist eine Ausnahme. Hier ist es angebracht, hilfreich und erwünscht.

Und falls du denkst, dass ein Tier sowieso nichts Besonderes ist, es gibt keine besonderen Stärken hast – dann sei dir sicher:

In deinem Umfeld gibt es Menschen, die dich manchmal still betrachten und denken: Das würde ich auch gerne können.

Du kannst viel mehr, als du denkst.

Bis bald.

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