Fehler machen Leute - Leute machen Fehler

" Auf diese Art von Jobs würde ich mich an Ihrer Stelle aktuell nicht bewerben."

Ich konnte in ihrem Gesicht sehen, dass sie unglücklich war.

"Sie haben vermutlich gehofft, dass ich Ihnen etwas Positiveres sage. Das tut mir leid. Ich möchte nie falsche Hoffnungen wecken."

Doch ich lag falsch, das war nicht der Grund:

"Das ist es nicht. Ich habe mir mehr von dieser Stunde mit Ihnen erhofft."

Damit hatte ich tatsächlich nicht gerechnet.

Um diesen Moment besser zu verstehen, müssen wir ein kleines Stück zurückspringen. Und am besten, wir geben der Kundin einen Namen: Agnes.

Aus dem öffentlichen Dienst in die Wirtschaft

Agnes hatte sich bei mir gemeldet, weil sie sich beruflich verändern wollte. Und sie wollte nicht nur einen großen Schritt machen, sondern gleich drei:

Sie wollte

  1. aus dem öffentlichen Dienst in die freie Wirtschaft
  2. In ein Fachgebiet, das sie noch nicht kennt
  3. und auf eine Führungsposition

Sie hatte nun ein Coaching bei mir gebucht, um zu besprechen, wie realistisch das Ganze ist.

Mein Feedback war nicht durchweg positiv (aufmerksame Leser erinnern sich an Anfang dieser Mail). Und das liegt nicht daran, dass Agnes das alles nicht könnte – ganz im Gegenteil. Sie ist motiviert und qualifiziert, sie versucht nur zu viel auf einmal.

Ich habe ihr deshalb empfohlen, erstmal nur den Wechsel in die freie Wirtschaft und in das fremde Fachgebiet anzugehen. Das würden wir zusammen auch realistisch hinkriegen.

Doch nun war die Stunde vorbei und Agnes unglücklich. Nicht, weil ich ihr den Dreisprung ausreden wollte, sondern weil sie sich mehr erhofft hatte von dieser Stunde.

Sie konnte mir zwar auch nicht sagen, was genau sie erwartet hatte, doch Enttäuschung bleibt Enttäuschung.

Lernen heißt auch: Fehler machen

Jeder Mensch, der zum ersten Mal zu mir kommt, ist erst mal ein kompletter Fremder für mich. Natürlich kenne ich vorher die schriftlichen Unterlagen, doch die sagen am Ende des Tages oft sehr wenig aus. Und oft nicht das, worum es wirklich geht.

Alleine schon, um für einen Kunden ein Anschreiben zu erstellen, muss ich mindestens eine Stunde mit ihm reden. Und in der Situation weiß mein Kunde schon ganz genau, auf welche Jobs er sich warum bewerben möchte.

Um herauszufinden, was in einem Menschen steckt, welche Gedanken, Werte und Ängste ihn antreiben oder festhalten - das kostet Zeit - und Geld.

Doch ich will mich da gar nicht aus der Affäre ziehen, denn in diesem Fall habe ich ganz offenbar kein gutes Erwartungsmanagement betrieben.

Ich habe das daher zum Anlass genommen, eine kleine Änderung an meinem Buchungsprozess vorzunehmen. Dort wartet ab heute eine zusätzliche Frage:

"Was möchten Sie am Ende aus diesem Termin mitnehmen?"

Denn schließlich gilt auch für mich: Man lernt nie aus.

PS: Agnes hat mir das auch nicht übelgenommen, wie sie mir hinterher geschrieben hat. Ich denke, wir haben an dem Tag beide etwas gelernt.

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